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Impfung
Drei Pikser gegen Krebs
VON JOACHIM WILLE


Krebs in Europa (FR-Infografik)


Die Krebsimpfung kommt. Sie wird Routine werden in Deutschland. Die Behandlung, die Frauen gegen Gebärmutterhalskrebs immunisiert, könnte in wenigen Wochen oder Monaten so normal sein wie Impfungen gegen Tetanus oder Hepatitis. Der Grund: Die "Stiko" empfiehlt die Impfung seit dem heutigen Montag offiziell. Das Kürzel steht für "Ständige Impfkommission", es handelt sich um das Fachgremium, das im Auftrag des Robert-Koch-Instituts bundesweite Empfehlungen für den Schutz vor ansteckenden Krankheiten durch Impfungen gibt.

Tausende sterben

An Gebärmutterhalskrebs erkranken weltweit jährlich rund 230 000 Frauen, in Deutschland sind es 6500. Hier verzeichnet man über 3000 Todesfälle sowie zigtausende chirurgische Eingriffe, die Vorformen der Erkrankung beseitigen sollen. Krebs in Gebärmutter und Gebärmutterhals ist bei Frauen die dritthäufigste Krebsart. Vor Jahrzehnten, als Früherkennung und Therapie weniger entwickelt waren, stellte sie die Nummer eins in dieser Horrorliste dar.

Die Krebsart wird von Humanen Papilloma-Viren (HPV) ausgelöst, die bei Frauen Warzen im Genitalbereich verursachen und beim Sex übertragen werden. Dass Viren an der Entstehung von Krebs beteiligt sein könnten, war noch bis in die 80er Jahre umstritten. Dem deutschen Wissenschaftler Professor Harald zur Hausen ist es zu verdanken, dass der Forschungsansatz trotz Widerstände weiterverfolgt wurde. Der frühere Chef des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg versuchte schon in den 80er Jahren, Pharmakonzerne zu überzeugen, einen HPV-Impfstoff zu entwickeln und herzustellen. Die Marburger Behring-Werke, die damals zum Chemiemulti Hoechst gehörten, waren interessiert. Doch dann sagten sie ab. Damit habe man bei der Bekämpfung der heimtückischen Krebsart "viele Jahre verloren", sagt zur Hausen.

Erst 2006 brachten zwei ausländische Pharmariesen, Glaxo Smith Kline (Großbritannien) und die Merck & Co. (USA), Impfstoffe gegen die gefährlichsten HPV-Stämme auf den Markt. Seit Juni sind sie in den USA, Australien und Mexiko zugelassen, seit September in Deutschland. Das bedeutete noch nicht den Durchbruch. Erst eine Regelim-pfung von (zumindest) allen Mädchen vor dem ersten Sex könnte die Viren in Schach halten, und die kommt erst, nachdem die Stiko ihre Empfehlung gegeben hat.

Behandlung kostet 500 Euro

Wegen der Bedeutung des Themas preschten einige Krankenkassen bereits im letzten Herbst vor, darunter auch die AOK mit ihren 18 Millionen Mitgliedern. Sie übernehmen die Kosten der Impfung, immerhin rund 500 Euro, freiwillig für Mädchen zwischen elf und 18 Jahren, nicht allerdings für Jungen, die ebenfalls Überträger des Virus sind. Die Techniker Krankenkasse, die die Sonderleistung als erste anbot, berichtet, es hätten sich bereits einige tausend Mädchen impfen lassen, und das Interesse steige stark. "Allerdings schreckt das noch umständliche Prozedere sicher viele ab", heißt es.

Die Krankenkassen-Karte hilft nämlich derzeit noch nicht weiter. Interessierte Eltern müssen das Geld vorlegen. Sie kaufen in der Apotheke den Impfstoff für die drei in längeren Abständen zu gebenden Spritzen, was 450 Euro kostet, und reichen die Quittungen dann zusammen mit der Arzt-Rechnung, nochmal rund 50 Euro, bei den Kassen ein. Die erstatten das Geld dann. Erst nachdem die Stiko den Daumen gehoben hat, kann das umgestellt werden. Die Impfung wird dann künftig einfach per Karte abgewickelt.

Nicht nur die Krankenkassen ärgert, dass der Impfstoff in Deutschland sehr teuer verkauft wird. In den USA zum Beispiel, wo bereits mehrere zehntausend Impfungen praktisch komplikationslos durchgeführt wurden, kostet er nur umgerechnet etwa 270 Euro. Forscher zur Hausen sagt: "Vierzig Prozent Unterschied. Wieso das hier so teuer ist, verstehe ich nicht." Eine gewisse Hoffnung setzen die Kassen darauf, dass ein weiterer Arzneihersteller angekündigt hat, ebenfalls in die HPV-Impfstoffproduktion einsteigen zu wollen. "Vielleicht ist der dann billiger", heißt es bei der Techniker Krankenkasse.

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