Karteikasten (Eine wahre Geschichte)

Der 17-jährige Brian Moore hatte nur wenig Zeit, um einen Text, der als Grundlage für eine Gesprächstunde im Schülerbibelkreis benutzt werden sollte, zu verfassen. Brian starb nur wenige Stunden nachdem er diesen Aufsatz verfasst hatte auf dem Nachhauseweg von einem Freund.

Das Zimmer
In einem Zustand zwischen Traum und Wirklichkeit befand ich mich in dem Zimmer. Es gab nichts dort, ausser einer Wand, die voller Karteikästen war. Die Karteikästen erinnerten mich an die Karteikästen in Büchereien, die, alphabetisch oder nach Themen geordnet, alles auflisten, was es dort gibt. Diese Karteikästen, die vom Boden bis unter die Decke reichten, die nach rechts und links reichten, so weit mein Auge sehen konnte, diese Karteikästen trugen ganz andere Aufschriften.
Als ich auf die Wand zulief, fiel mein Blick auf einen Karteikasten mit der Aufschrift "Menschen, die ich gemocht habe". Ich öffnete ihn und begann die einzelnen Karten zu überfliegen. Geschockt durch die Tatsache, dass ich jeden Namen kannte, schloss ich den Kasten ganz schnell wieder. Und plötzlich, ohne dass man es mir gesagt hätte, wusste ich genau, wo ich war. Dieses leblose Zimmer mit den ganzen Karteikästen beinhaltete ein perfektes System, in dem jedes Detail meines Lebens aufgezeichnet war. Jeder Moment meines Lebens war genauestens festgehalten, seien es grosse oder kleine Taten. Mein eigenes Gedächtnis wäre nie dazu in der Lage gewesen, sich diese ganzen Informationen zu merken.
Verwunderung und Neugier, gemischt mit Schrecken machten sich in mir breit, als ich anfing, die Schubkästen wahllos zu öffnen und ihren Inhalt zu erforschen. Einige riefen Freude hervor und erinnerten mich an schöne Zeiten. Andere riefen bei mir Scham und Ekel hervor, so stark, dass ich einen Blick über meine Schultern warf, um zu sehen, ob ich beobachtet würde. Ein Karteikasten mit der Aufschrift "Freunde, die ich hatte" befand sich neben einem mit der Aufschrift "Freunde, die ich betrogen habe".
Die Aufschriften variierten von ganz gewöhnlichen Alltagssituationen bis hin zu ungewöhnlichen Dingen wie "Bücher, die ich gelesen habe", "Lügen, die ich erzählt habe", "Trost, den ich gegeben habe", "Witze, über die ich gelacht habe". Einige waren so genau wiedergegeben, dass ich beinahe lachen musste. Über andere konnte ich allerdings nicht lachen. "Begriffe, die ich meinen Geschwistern an den Kopf geschmissen habe", "Dinge, die ich aus Wut getan habe", "Verwünschungen, die ich in Gedanken gegen meine Eltern gehegt habe".
Ich hörte nicht auf, mich über den Inhalt zu verwundern. Oft gab es viel mehr Karten zu einem Thema als ich befürchtet hatte. Ich war überhaupt beeindruckt von der Menge an Dingen, die ich in meinem Leben getan oder unterlassen hatte, War es möglich, dass ich diese Tausende oder Millionen von Karten während der 17 Jahre meines Lebens geschrieben hatte? Aber jede Karte bestätigte die Wahrheit. Jede Karte war mit meiner eigenen Handschrift geschrieben. Jede Karte war mit meiner Unterschrift versehen.
Als ich den Karteikasten mit der Aufschrift "Musik, die ich gehört habe" herauszog, stellte ich fest, dass die Karteikästen wuchsen, um den Inhalt zu fassen. Die Karten waren genauestens zusammengepackt, und doch, nach vielen Metern erreichte ich immer noch nicht das Ende des Kastens. Ich gab beschämt auf. Weniger wegen der Qualität der Musik, als vielmehr wegen der irren Zeit, die ich mit Musikhören verbracht hatte. Als ich zu einem Karteikasten mit der Aufschrift "lustvolle Gedanken" kam, spürte ich ein Zittern durch meinen ganzen Körper fahren. Ich zog den Karteikasten heraus, nur ganz wenige Zentimeter, um eine Karte entnehmen zu können. Ich wollte nicht wissen, wie gross er in Wirklichkeit war. Ich erschrak über den detailliert wiedergegebenen Inhalt. Ich fühlte mich krank, als ich mich vergewisserte, dass auch solche Momente festgehalten wurden. Ein Gefühl von Demütigung und Wut überkam mich. Einen Entschluss hatte ich jetzt gefasst: "Niemand darf diese Karten je zu sehen bekommen! Niemand darf je von diesem Zimmer erfahren! Ich muss sie vernichten!!!"
In grosser Aufregung zog ich den Karteikasten aus dem Regal. Ich musste ihn leeren und die Karten vernichten. Aber obwohl ich den Kasten an einem Ende anfasste, und auf den Boden schlug, musste ich feststellen, dass ich keine einzige Karte aus ihm heraus bekam! Ich war verzweifelt, denn auch mein Versuch, sie zu zerreissen blieb erfolglos. Geschlagen und absolut hilflos schob ich den Karteikasten an seine Stelle zurück. Meine Stirn an das Regal lehnend entfuhr mir ein tiefer, von Selbstmitleid durchdrungener Seufzer. Dann sah ich ihn. Der Karteikasten trug die Aufschrift "Menschen, denen ich das Evangelium weitergesagt habe". Der Griff war heller als die anderen - er war beinahe unbenutzt. Ich zog an dem Griff und eine kleine Schachtel, nicht einmal zehn Zentimeter lang, fiel in meine Hände. Die Karten die sie enthielt, konnte ich an einer Hand abzählen. Und jetzt kamen sie - die Tränen. Ich begann zu weinen. Schluchzer, die so tief waren, dass der Schmerz meinen ganzen Körper erzittern ließ. Ich fiel auf meine Knie und schrie. Ich schluchzte vor tiefer Scham, über all dem, was ich da sah. In meinen von Tränen gefüllten Augen kreiste verschwommen die Reihe der Regale. "Niemand darf je von diesem Zimmer erfahren. Ich muss es verschließen und den Schlüssel verstecken".
Dann sah ich durch meine verweinten Augen auf. Ich sah wie er das Zimmer betrat. Nein, bitte nicht ER. Nicht hier. Jeder, nur nicht Jesus. Ich beobachtete hilflos, wie er begann die Karteikästen zu öffnen und die Karten zu lesen. Ich konnte es nicht ertragen, seine Reaktion abzuwarten. Die kurzen Momente, in denen ich ihn anschaute, sah ich solche Traurigkeit in seinem Gesicht, dass es mir durchs Herz stach. Intuitiv ging er auf die schlimmsten Karteikästen zu. Warum musste er nur jede Karte lesen? Endlich drehte er sich zu mir um, und schaute mich von der gegenüberliegenden Seite des Zimmers mitleidig an. Es war Mitleid, das mich aber nicht zornig machte. Ich beugte meinen Kopf nach vorne, verbarg mein Gesicht in meinen Händen und weinte erneut. Er kam herüber und legte seinen Arm um mich. er hätte so viel sagen können, er sagte kein Wort. Er weinte einfach nur mit mir. Dann stand er auf und lief zurück an die mit Karteikästen gefüllte Wand. Am Ende des Zimmers beginnend nahm er einen Karteikasten nach dem anderen heraus und begann, auf jede Karte seinen Namen über den meinen zu schreiben. "Nein", schrie ich, indem ich zu ihm lief. Alles, was ich herausbrachte, war, "Nein! Nein!" , als ich ihm die Karte aus der Hand nahm. Sein Name sollte nicht auf diesen Karten erscheinen. ABER DA WAR ES IN ROT geschrieben, so kräftig, so lebendig. Der Name Jesus bedeckte meinen Namen. Er war mit Blut geschrieben. Sanft nahm er die Karte wieder an sich. Er lächelte traurig und begann alle Karten zu unterschreiben. Ich denke, ich werde nie verstehen, wie er das so schnell getan hat, aber im nächsten Moment, so schien es mir, hörte ich, wie er den letzten Karteikasten schloss und zu mir zurück lief. Er legte seine Hand auf meine Schulter und sagte:
"ES IST VOLLBRACHT!"

Brian Keith Moore